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Seminar-Blog zum Konstruktismus -


23. Oktober 2008

Entscheiden und Bereuen – Teil 3: Urheberschaft und Reue

Urheber unseres Tuns können wir nicht sein, wenn unser Wille lediglich ein Spielball von Bedingungen ist (Bieri 2005, 20). Sollte unser Wille nicht unserer sein oder sollte sich herausstellen, dass nichts unseren Willen beeinflusst, wir also von einer vorbestimmten Lebenslinie niemals abweichen können, was „hätte es für einen Sinn, sich Vorwürfe zu machen oder Reue zu empfinden“ (Bieri 2005, 21)? Dass wir uns selbst als falsch empfundene Handlungen zum Vorwurf machen, dass wir sie bereuen, deutet darauf hin, dass wir uns als Urheber unseres Tuns empfinden. Dazu gehört, dass wir uns mit unserem Willen identifizieren. Wenn wir uns als Urheber unseres Tuns empfinden, kann unser Wille faktisch nicht zwanghaft sein. Wäre er zwanghaft, hätten wir keine Möglichkeit, uns nach unseren Einsichten und Erfahrungen zu richten. Ein zwanghafter Wille wäre demnach ein unbelehrbarer Wille und wir wären unfähig, uns in dieser Unfreiheit mit dem zwanghaften Willen zu identifizieren. (Bieri 2005, 96). Die Entfremdung von der Urheberschaft hätte eine vollkommenen Ohnmacht eines unbeeinflussbaren, unverständlichen und unberechenbaren Willens zur Folge, der abgeschnitten ist von unserer Lebensgeschichte, unserem Charakter und unserem Überlegen (Bieri 2005, 230). Wir könnten keine Reue empfinden.

Die Idee der Urheberschaft ist verknüpft mit der Idee der Entscheidung zwischen verschiedenen Möglichkeiten (Bieri 2005, 22). Sie bezieht sich auf eine Bewegung, mit der wir unserem Leben durch Entscheidungen eine Richtung geben. Als Urheber dieses Richtungnehmens empfinden wir uns, wenn wir diese Bewegung spüren, wenn wir uns aktiv in Gang setzen, wenn wir unser „Ich“ als Urheber dieser aktiven Bewegung identifizieren können und wenn wir den Willen als Option in einem Spielraum erleben (Bieri 2005: 31). Ergeben sich daraus negative oder auch nur scheinbar negative Konsequenzen für uns und andere, bereuen wir unsere Entscheidung. Wir wünschen uns, anders gehandelt zu haben, weil wir es konnten. So konstituiert das Empfinden von Reue die Urheberschaft. Diese Überlegung führt zu der Vorstellung, dass erlebte Urheberschaft ganz wesentlich mit dem Empfinden von Personsein verbunden ist. „Wir haben uns in der Hand, das macht uns zu Subjekten” (Bieri 2005, 124).

22. Oktober 2008

Entscheiden und Bereuen – Teil 2: Deskription

Bieri geht in Das Handwerk der Freiheit in einigen kürzeren Passagen auf Reue ein. Länger auf Empfindungen von Reue bezieht sich der Autor im zweiten Teil des Buches im Anschluss an einen langen Dialog zwischen seinen beiden aus Dostojewskis Roman Verbrechen und Strafe entlehnten Figuren. Der Dialog zwischen einem Richter und dem Mörder Rodion Raskolnikov bezieht sich auf Reue unter dem Gesichtspunkt der moralischen Bewertung von Handlungen. Reue empfinden heißt an dieser Textstelle, dass man sein eigenes Verhalten moralisch verwerflich findet (Bieri 2005, 362).

Darüber hinaus lassen sich anhand einer Reihe von weiteren Textstellen Überlegungen zur Reue bei praktischen Urteilen anstellen. Die Handlungsbeurteilung von praktischen Urteilen interessiert sich im Rahmen dieser dafür, ob sie im instrumentellen Sinne gut oder schlecht sind, also zum gewünschten Ziel führen. Wenn wir durch Handlungen unsere gewünschten Ziele erreichen, dann empfinden wir Zufriedenheit. Erleben wir die Konsequenzen unserer Handlungen dagegen als negativ, dann bereuen wir unser Tun. Diesen Zusammenhang visualiert die Übersicht zum Themenkomplex.

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Damit sind die beiden Perspektiven skizziert, von denen diese Blogserie handelt: Bei der ersten handelt es sich um Reue als Empfinden moralischer Verwerflichkeit, bei der zweiten handelt es sich um Reue um die Wahl einer schlechteren Handlungsmöglichkeit im Irrtum oder wider besseren Wissens. Diese beiden Perspektiven auf Reue werden im Folgenden unter den Aspekten der Urheberschaft eines Tuns, der Bedeutung für das Personsein sowie des Zusammenhangs von Reue und Verantwortung einzeln fokussiert.

21. Oktober 2008

Entscheiden und Bereuen – Teil 1: Einleitung

Der Schriftsteller und Vordenker des Existenzialismus Albert Camus stellte einst die Frage auf: „Soll ich mich umbringen oder soll ich mir eine Tasse Kaffee gönnen?“ Worauf er damit hinwies war, dass alles im Leben aus Entscheidungen besteht. In jeder Sekunde unseres Lebens treffen wir Entscheidungen und immer gibt es Alternativen für diese Entscheidungen. Unsere Existenz ist durch Entscheidungen geprägt, die wir als Menschen treffen (Schwartz 2004, 42). Und manchmal treffen wir die falschen Entscheidungen. Wir erleben dies als unangenehm. Wir ärgern oder schämen uns über den Irrtum und setzen alles daran, solche unangenehmen Erfahrungen in Zukunft zu vermeiden. Das unangenehme Gefühl, das wir zu vermeiden suchen, nennen wir Reue.

Wenn wir von Reue sprechen, brauchen wir nicht erst sicherzustellen, ob sie überhaupt existiert. „Sie ist ein Phänomen, das jedem auf irgendeine Weise begegnet und das jeder bestätigt, weil er sie selbst, ausweichend oder vollziehend, irgendwann erlebt“ (Otto 1961, 9). Anders als andere negative Emotionen – Wut, Traurigkeit, Enttäuschung, sogar Sorge – ist mit der Reue der belastende Gedanke verbunden, dass die unangenehme Situation verhindert werden hätte können. Genau von einem selbst hätte sie verhindert werden können, wenn man sich nur anders entschieden hätte (Schwartz 2004, 157). Doch so klar, wie dieses gedankliche Konzept von Reue zunächst erscheint, ist es nicht. Beim Bereuen handelt es sich um ein Gefühl und diese affektiv-emotionalen Regungen enthüllen uns ihren Gehalt und ihre Logik nicht von sich aus. Wir besitzen intuitiv keine Klarheit über Gefühle: „Man weiß über ein Gefühl nicht dadurch schon alles, daß man es hat oder gehabt hat“ (Bieri 2005, 361). Möglicherweise befinden wir uns über ihren Gehalt sogar im Irrtum. Deshalb müssen wir analytisch ergründen, woher unsere Empfindungen rühren und welche Bedeutung sie für uns haben. Anhand des Werks Das Handwerk der Freiheit (Bieri 2005) beschäftigt sich diese Betrachtung mit der Bedeutung der Reue für unser Empfinden als Urheber unserer eigenen Handlungen, für unsere Konstitution als Persönlichkeiten und für unsere Verantwortung als moralisch denkende Individuen in der menschlichen Gemeinschaft. Dem deskriptiven Teil folgt eine interpretierende Erweiterung der Thesen, die sich auf Reue beziehen. In diesem wird der Phänomenkomplex Reue ergänzt durch die Unterscheidung zwischen Reue im Nachhinein und vorauseilender Reue. Wie sich das Vermeiden von Gefühlen der Reue auf unsere Entscheidungen und unser Tun auswirken kann wird ebenso behandelt wie Strategien, wie wir daran arbeiten können, unser Tun weniger zu bereuen.

20. Oktober 2008

Concept Map zur bedingten Freiheit

Die Zusammenhänge des ersten Teils des Buches von Peter Bieri habe ich versucht, in der folgenden Concept Map zu visualisieren:

Bedingte Freiheit

19. Oktober 2008

Überlegungen zum Einstieg

Zum Einstieg möchte ich einige Überlegungen anstellen zum Thema des Buchs, mit dem wir uns hier beschäftigen. Grundsätzlich widerspreche ich dem Klappentext, der behauptet, Peter Bieris Buch beweise, “Philosophie muß nicht schwierig sein”. Diese Behauptung trifft nur zu, wenn man das Buch oberflächlich liest. Die Materie, mit der sich der Autor beschäftigt ist hoch komplex. Zu dem Schluss, sie sei nicht schwierig zu verstehen, kann man nur kommen, wann man lediglich oberflächlich liest und nicht gedanklich in das Labyrinth der paradoxen Zusammenhänge einsteigt.

Aber vielleicht bezieht sich der Klappentext gar nicht auf den Inhalt; vielleicht bezieht er sich auf den Stil, in dem der Text verfasst ist. Bieris Ausführungen sind für mich, der ich bisher keine philosophischen Kurse genoß, von einer beeindruckenden Klarheit, Anschaulichkeit und sogar Schönheit. Hier kann ich den Klappentext bestätigen. Auf der anderen Seite hat die Aufgabe des trockenen Stils wissenschaftlicher Literatur einen entscheidenden Nachteil: Je schöner die Sprache, desto unaufmerksamer lesen wir. Insofern verstehe ich, warum der Klappentextautor zu dem Schluss kommt, “Philosophie muß nicht schwierig sein”.

Das Paradox, mit dem sich der Text beschäftigt, ist das folgende: War es purer Zufall, dass Sie diesen Blog besuchten oder hatten sie Gründe, wegen derer Sie diesen Blog besuchten? Egal, wie sie antworten, in beiden Fällen war es keine freie Entscheidung. Sie meinen trotzdem, Sie seien frei? Dann sollten Sie diesen Blog lesen, denn mit diesem Grundparadoxon beschäftigt sich Peter Bieris Das Handwerk der Freiheit.

18. März 2008

Zeitwahrnehmung und -erfahrung als Maß für Unfreiheit

Zunächst hat mich die Verbindung der Begriffe Zeit und Freiheit etwas erstaunt. Freiheit stellte für mich einen sehr abstrakten, auch häufig philosophisch diskutierten Begriff,  dar.Zeit, das ist Physik, wie ich fand, konkreter. “Ich hab jetzt keine Zeit, muss an die Uni!” oder “Hättest du kurz Zeit für mich, ich kapier’ die Aufgabe hier nicht?” – das sind eigentlich recht alltägliche Aussagen. Dass sich aber hinter der Wahrnehmung, hinter dem Bewusstsein von Zeit noch sehr viel mehr verbirgt, als Stunden und Minuten zeigt Bieri meines Erachtens sehr anschaulich:

Als er bestimmte Kategorien oder Typen von Unfreiheit aufstellt (der Getriebene, der gedankliche Mitläufer, der Zwanghafte, der Unbeherrschte, der Erpresste), ordnet er diesen auch jeweils eine bestimmte Art und Weise von Zeiterfahrung zu.

Zum Beispiel erlebt der Getriebene, der sich nicht als Urheber, als Wollender seiner Handlungen erfährt, laut Bieri eine “flache Zeit”: er nimmt die Gegenwart wahr, stellt Erwartungen für das zukünftige Geschehen an, aber sieht die Zukunft nicht als Spielraum für seinen, individuellen Willen, wo er sich durch Auswahl von bestimmten Handlungsmöglichkeiten seine eigene Zukunft zusammenzimmern könnte. Die Zukunft ist hier scheinbar von seiner Person losgelöst.

Auch derjenige, der erpresst wird, erlebt Zeit anders, als ein “freier” Mensch, der die Zukunft als offen und individuell zu gestalten erfährt. Die Zeit, während der Erpresste sich in seiner misslichen Lage befindet, scheint für ihn verloren zu sein. Er widmet sich in dieser Zeit nur dem einen Willen, das Problem zu lösen, so z.B. eine Geisel freizukaufen, und stellt alle anderen, seine eigentlichen Wünsche, zurück. Es ist, als ob er seine eigene Zeit überspringen, übergehen bzw. einer anderen Person oder Sache opfern würde. Seine individuelle Zukunftsplanung setzt er aus, was genau seine Unfreiheit charaktersiert.

Insgesamt ist genau das letztere Problem ein Merkmal für Unfreiheit: nicht den eigenen Willen zu verwirklichen, dessen denkender, urteilender und abwägender Urheber man ist, sondern den eines Fremden kurzfristig anzunehmen und zu verwirklichen. Hier erscheint man als unfrei, versklavt und lebt die Zeit eines anderen, nicht die eigene. Man verschenkt sozusagen seine eigenen Minuten und Stunden an den anderen und seine Zwecke (oder auch an einen eigenen, unbeherrschbaren Willen, an seine eigene Sucht).

Schließelich hängen Zeit und Freiheit also deshalb zusammen, weil Freiheit meint, dass wir unseren eigenen Willen durch Nachdenken ermitteln und dann in die Tat umsetzen wollen bzw. können. Dieses Umsetzen geschieht – wenn möglich- natürlich im Rahmen einer Gegenwart und Zukunft, die sich dann für unterschiedliche Typen von Unfreiheit eben auch unterschiedlich “anfühlen”.

Ein bisschen erinnert hat mich die Verbindung von Zeiterfahrung mit (Un-)Freiheit auch an die Geschichte “Momo” von Michael Ende. Hier wird am konkreten Beispiel der “grauen Männer” aufgezeigt, wie sich Unfreiheit auf Zeiterleben bzw. Zeitplanung auf Freiheit auswirken können.

3. Februar 2008

Angeeignete Freiheit

Angeeignete Freiheit – das ist der Titel des dritten und mit Abstand kürzesten Teils in Bieris “Freiheitsbuch” (ca. 50 Seiten): Neben der bedingte und der unbedingten Freiheit ist die angeeignete Freiheit nicht einfach nur ein Komporomiss, sondern eine eigene Qualität. Dieses Kapitel ist das aus meiner Sicht “psychologischste” Kapitel, weshalb ich persönlich es wohl auch am besten verstanden habe. :-)

Gabi

Unbedigte Freiheit

Unbedingte Freiheit – so lautet der zweite Teil in Bieris “Freiheitsbuch”. Das ist mit ca. 200 Seiten der längste Teil, bei dem man sich auch – so meine Einschätzung – am meisten konzentrieren muss. Die spannende Frage, um die es dabei immer wieder geht ist: Gibt es überhaupt eine unbedigte Freihiet bzw. kann es eine solche geben?

Gabi

Bedingte Freiheit

Bedingte Freiheit – so lautet der erste Teil in Bieris “Freiheitsbuch”. Knapp 50 Seiten umfasst dieser erste, mit vielen Beispielen versehene Teil, in dem es nicht nur um die Idee der Freiheit und deren Bedingtheit, sondern auch darum geht, wie man sich als Philosoph einem Konstrukt wie dem Willen und der Idee der Freiheit mittels Sprache überhaupt nähern kann.

Gabi